Die Front, die sich Leben nennt

Gedanken über unser Zeitalter 

Kurzer Lesetipp

Bereits in einem früheren Post habe ich meine grundsätzliche Begeisterung über die europäische Integration zum Ausdruck gebracht. Die Vision, dass wir irgendwann eine große europäische Gesellschaft sind, fasziniert und finde ich wirklich erstrebenswert. Vor allem deshalb, weil ich dabei immer die großen Gemeinsamkeiten der europäischen Völker (noch muss hier ein Plural verwandt werden) im Blick habe und mich frage, warum diese so oft negiert oder zumindest unterbewertet werden.

Vielleicht bin aber auch ich einer Fehleinschätzung unterlegen, indem ich die Gemeinsamkeiten zu hoch bewertet habe. Oder positiv ausgedrückt: Dass ich mir, der ich mit einem Nationalstaat traditioneller Prägung nicht so viel anfangen kann und meinen Patriotismus auf Verfassung und Sport beschränke, nicht vorstellen konnte, wie sehr die Menschen durch ihre Herkunft, soziale Gepflogenheiten und das "nationale Gedächtnis" ihres jeweiligen Landes geprägt werden. Gerade aus deutscher Sicht, aus der heraus man ja gerade diese europäische Vereinigung anstrebt, um damit eine Wiederholung der Geschichte ein für alle Mal zu verhindern, sind die Probleme mancher osteuropäischer Staaten mit der Intensivierung der Integration schwer zu verstehen - wollen sie doch auch, dass so etwas wie der 2. Weltkrieg nie mehr passiert! Ja natürlich, aber gerade Polen war über Jahrhunderte immer ein Volk ohne Staat (plakativ gesprochen) und will nun nach 20 Jahren Souveränität nicht gleich schon wieder diese Rechte an eine höhere Instanz abgeben müssen.

Es ist wohlfeil, sich über etwaige Bremser der Integration aufzuregen. Aber es wäre viel besser, wenn man sich damit auseinandersetzt, warum diese Menschen (nicht Staaten. Diese können nicht handeln, das tun immer nur Menschen) sich so verhalten. Und zu diesem Zweck haben Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker eine wunderbare Buchreihe herausgegeben: Die Deutschen und ihre Nachbarn. In jedem dieser Bücher wird die Geschichte des jeweiligen Landes, auch und gerade im Verhältnis zu Deutschland, beschrieben und erläutert. Und man gewinnt ein Gefühl dafür, dass es auch heute noch in jedem Land eine nationale Identität gibt. Und dass es noch ein langer Weg zu einer europäischen Identität ist.

 

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Anti-Manifest

Hetero, männlich, weiß, und ich werd' nicht unterdrückt,
Auf jeden Fall nicht so wie die anderen. Nenn es Zufall oder Glück.
Und schlau genug, um am Leben zu sein,
bezahlt dafür, dagegen zu sein.
Du sagst: ich soll nur einmal sagen, wofür ich bin.
Verdammt, sieh genauer hin.

Ich bin dafür dass Max Goldt den Nobelpreis gewinnt,
Dafür, dass Juliette Binoche einen Oscar bekommt.
Für ein besseres Leben der Hausfrau am Ende der Straße.
Doch es ist immer peinlich, wenn man sagt, wofür man ist.

Ich meine: Keiner kann mehr eine Utopie formulieren,
ohne sich lächerlich zu machen.
Und ich kann ganz schlauen Köpfen nicht mehr zuhören,
ohne laut loszulachen.
Doch voller Moral, ohne zu Moralisieren, geht das?
Und wenn es geht, wer versteht das?

Ich bin für einen Humor, der den Wahnsinn kompensiert,
der von mir aus auch nach Buttersäure riecht.
Ich bin dafür, dass in unser Leben niemals diese verbitterte Empörung eintritt.
Doch es ist immer peinlich, wenn man sagt, wofür man ist.

(Marcus Wiebusch - Anti-Manifest)

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Trotz allem bin ich Sozialdemokrat

Eigentlich kann ich mit vielen dieser Traditionen, die in dieser Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gelebt werden, nicht viel anfangen. Ich finde es komisch, dass noch immer am Ende eines jeden Parteitages der alte Bergleute-Gassenhauer „Seit an Seit“ geschmettert wird, ungeachtet dessen, wie viele Bergleute es wirklich noch gibt, in diesem Land und in dieser SPD. Ich sehe da auch ein Problem, in diesem Schwelgen in der Vergangenheit, in der 140-jährigen Geschichte und der immerwährenden Betonung, dass man damals, im Reichstag, bei der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz, usw. Natürlich kann und muss eine Partei mit dieser Geschichte stolz auf diese sein, aber das kann doch nicht alles sein. Und so kommt es mir manchmal vor, dass viele in der Partei eigentlich gar nicht so recht ankommen wollen in einer neuen Zeit, ohne Bergleute und Arbeiterbewegung, dafür aber mit einer tertiatisierten und individualistischen Gesellschaft. Auch weil „individualistisch“ ein so negativ belegter Begriff ist. Obwohl es doch eigentlich bedeutet, dass immer Menschen die Möglichkeit haben, genau nach ihren individuellen Vorstellungen zu leben, nicht gemäß irgendwelcher allgemeiner Zwänge.

Trotz allem bin ich Sozialdemokrat. Mein erstes, von mir richtig wahrgenommene politische Ereignis war der Machtwechsel 1998. Ich habe Gerhard Schröder und Joschka Fischer bewundert. Habe 2002 bei meiner ersten Bundestagswahl gebangt, dass es dieser ignorante, rechtskonservative Edmund Stoiber doch schaffen könnte und dafür dann umso mehr Schadenfreude ob des verfrühten „Wir haben die Wahl gewonnen!“ empfunden. Habe dann in der zweiten Legislaturperiode den Niedergang meiner „politischen Helden“ Schröder und Fischer miterlebt, mitsamt den unausweichlichen Neuwahlen.

Zu dieser Zeit bin ich in die SPD eingetreten. Ein Stück weit aus Trotz, gegen den gesellschaftlichen Trend. Aber auch, weil ich damals der Meinung war, dass die Grundwerte dieser Partei den meinigen entsprechen. Aber was genau macht diese Partei aus? Für mich persönlich, aber auch ganz allgemein?

Meiner Partei ging es, seit ich Mitglied bin, eigentlich nie richtig gut. Man kann auch sagen, es ging ihr Schritt für Schritt immer schlechter. Dies hat viele Ursachen, auf die ich gar nicht eingehen will, sondern nur festhalten möchte, dass die Partei nicht allein, aber natürlich auch selbst Schuld trägt an ihrem Niedergang. Sicherlich gibt es oft Momente, in denen ich nicht einverstanden bin mit Entscheidungen und Äußerungen von Parteigremien oder einzelnen Personen. Aber eigentlich nie lassen sie mich zweifeln an meinem Dasein als Sozialdemokrat, weil genau das nicht gilt, was der Partei einmal prophezeit wurde, nämlich dass sie sich durch die Erfolge ihrer Politik irgendwann selbst überflüssig macht.

Das ist nämlich das Tolle an der Sozialdemokratie: Sie will, dass es den Menschen besser geht, dass sich deren individuelle Situation verbessert. Sie geht davon aus, dass es immer eine Möglichkeit gibt, dass es (noch) besser werden kann. Diese optimistische Zukunftsorientierung – ich gebe zu, sie wird bisweilen auch in der SPD „vergessen“ – steht im krassen Gegensatz zur konservativen Haltung der Bewahrung des Status Quo und der herrschenden Verhältnisse, die aus einer Angst vor der Zukunft erwächst. Aber genau diese, ja fast schon romantische Vorstellung, dass es immer noch besser werden kann, ist auch die meinige (und ganz sicher nicht die der Linkspartei, die gerade deswegen nicht sozialdemokratisch ist!).

Dieser Aspekt ist der einzige, der mir in der wunderbaren Rede von Erhard Eppler auf dem Dresdner Parteitag im November 2009 gefehlt hat. Ansonsten möchte ich ganz dringend auf seine Ausführungen verweisen, in denen er so eingängig beschreibt, dass die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität einander bedingen, nicht ausschließen, keinen Trade-Off (oder wie er es nennt: Balkenschaukel) gegeneinander darstellen. Und dass sie unverzichtbar dafür sind, dass eine Gesellschaft funktionieren kann:

Die sozialdemokratischen Grundwerte sitzen nicht auf der Balkenschaukel. Gerechtigkeit ist die gleiche Chance, mit den in der Verfassung garantierten Grundrechten, Freiheitsrechten wirklich etwas anzufangen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das gilt übrigens auch für die Solidarität. Fragt mal einen Psychologen, wie das ist, wenn ein Kind in einer Familie aufwächst, in der die bedingungslose Solidarität der Eltern für die Kinder und der Kinder für die Eltern und der Geschwister für die Geschwister eine Selbstverständlichkeit ist. Diese Kinder sind, wenn sie ins Leben hinausgehen, sehr viel freier als andere. Je sicherer Menschen aufgehoben sind in einer Solidargemeinschaft, desto freier können sie sich bewegen und desto freier, weil gleichberechtigter, fühlen sie sich auch.

Diese Grundwerte, erweitert um die optimistische Zukunftsorientierung, machen für mich den Kern der Sozialdemokratie aus. Wegen ihnen bin ich in diese SPD eingetreten, denn sie sind auch meine Grundwerte. Und für sie muss zu jeder Zeit gekämpft werden, weil sie niemals stabil bestehen können, sondern andauernd bedroht sind. Solidarität wird durch massenhafte Steuerhinterziehung bedroht, Freiheit durch Vorratsdatenspeicherung, Gerechtigkeit durch Boni-Zahlungen an Versager, die optimistische Zukunftsorientierung durch die gefühlte Ausweglosigkeit von Hartz IV.  Und selbst wenn diese Bedrohungen irgendwann überwunden worden sein werden, dann werden neue auftauchen. Und deswegen bedarf es einer, nein, meiner Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

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Axolotl Roadkill: Alles nur geklaut?

Seit ungefähr zwei Wochen ist sie das Thema in allen Feuilletons: Helene Hegemann. In diesem Zusammenhang interessant ist die Beobachtung, die @deef gemacht hat:

Helene Hegemann zeigt uns in Axolotl Roadkill, dass sie nicht nur für ihr Alter, sondern ganz allgemein eine beachtenswert wortgewaltige und wundervoll böse Schreibe hat. Aber statt sich nur von anderen inspirieren zu lassen und zu zitieren, schreibt sie ab. Das stört den guten Eindruck ganz empfindlich.
Unbedingt weiterlesen auf gefuehlskonserve.de

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Und das prangere ich an!

Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich. Und zu genau. Aber es nervt mich einfach kolossal, dass überall in ignorantester Art und Weise Rechtschreibfehler begangen werden. Daran, dass es wohl "Tomatencreme Suppe" und nicht "Tomatencreme-Suppe" heißen muss, hat man sich fast schon gewöhnt. Ach was, gewöhnen kann man sich an solche Deppen-Leerzeichen nicht, aber man schaut über sie hinweg. Aber es lässt mich jedes Mal aufs Neue zusammenzucken, wenn ich wieder einen neuen Verstoß entdecke.

Heutiges Beispiel des Tages: DSF heißt nun "SPORT1 - Das Sport Fernsehen". Von einem Fernsehsender, bei dem im weitesten Sinne Journalisten beschäftigt sind (na ja...), sollte man doch wohl erwarten können, dass er die Grundregeln der deutschen Rechtschreibung beherrscht und umsetzt. Ich habe kein Problem damit, dass Sprache und auch Rechtschreibung sich verändern, ganz sicher nicht. Sprache ist lebendig und unterliegt damit auch einer Evolution. Aber diese fundamentalen Regeln haben ja einen Sinn  konkret im Falle des Bindestriches soll dieser schnell anzeigen, welche Worte zusammengehören. Natürlich gibt es da gewissermaßen nun einen Trade-Off zwischen verständlicherer Schreibweise und besonderer Herausstellung eines Wortes, in dem Falle "Sport" (das bei einer Bindestrich-Konstruktion natürlich nur noch "ein Wort unter vielen" ist). Aber darf man dafür einen definitiven Rechtschreibfehler begehen?

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TITANIC - Papst 16.0

Papst 16.0
   

Nach einem päpstlichen Appell soll sich die katholische Kirche ab sofort verstärkt im Internet präsentieren. Als erster Schritt wird deshalb kommende Woche das neue soziale Netzwerk Faithbook gelauncht. Mitglieder können sich mit eigenem Profilbild ("Ikone") oder unter persönlichen Nicknames (Taufnamen) anmelden und mit Freunden oder Followern (Jüngern) verbinden. Es gibt eine Shoutbox mit den Funktionen "Predigen", "Beichten" und "In Zungen reden". Zudem gibt es für minderjährige männliche User die Funktion, sich von seinem zuständigen Pfarrer "gruscheln" zu lassen.

via titanic-magazin.de (bei nerdcore gesehen)

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Daumen hoch, Herr Müller!

SPOX: Interessieren Sie sich auch für die Beurteilung der Medien?

Müller: Im Grunde schon. Aber man muss abwägen, was seriös ist und was nicht. Mit manchen Artikeln darf man sich nicht beschäftigen, beispielsweise, wenn die ganze Mannschaft die Note 6 bekommt. Manchmal ärgert man sich, aber man darf es nicht überbewerten.

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Besser oder zufrieden werden?

Malte Pennekamp öffnet die Tür zum Café Jasmin im Münchner Univiertel. Der Dienstagmorgen ist kalt und das Café ist mollig geheizt. In einem der lindgrünen Sessel sitzt eine Studentin und blättert im Economist, einem knochigen aber klugen Wirtschaftsmagazin aus England. Auf dem Titel steht "Bubble warning - Why assets are overvalued." Vorne, nahe an der Theke, sitzt ein Student und liest das Buch Sofies Welt. Der Philosophie-Exkurs war mal ein Bestseller, weil er die Sehnsucht der Menschen nach Sinn stillte.

Nach dem Abitur sah sich Malte als Sofies Welt-Leser. Sein Vater wollte einen Economist-Käufer aus ihm machen.

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DIE ZEIT: Als das Geld vom Himmel fiel

Die 442 Milliarden, die an diesem Tag von der Zentralbank zu den Privatbanken fließen, haben zuvor nicht der EZB gehört. Nicht dem Steuerzahler. Und auch sonst niemand. Das Geld ist gewissermaßen vom Himmel gefallen.

Die Zentralbank hat es am Vormittag dieses 24. Juni neu erschaffen. Sie braucht dafür keine ratternden Druckmaschinen mehr, es genügt, den gewünschten Betrag auf das Konto zu überweisen, das jede Bank der Eurozone bei der EZB unterhält. Zwölf Monate lang dürfen die Banken das Geld behalten. Dann müssen sie es an die Zentralbank zurückzahlen, und die Konten leeren sich wieder.

Zwölf Monate, in denen die Banken mit diesem Geld arbeiten sollen. Zwölf Monate, in denen dieses Geld den Kapitalismus reanimieren muss.

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Über die verdammte Bigotterie der BILD

Heute benotete die "Bild am Sonntag" jeden Spieler von Hannover 96 für seine Leistung gegen Hertha BSC Berlin mit einer Sechs. Auch die Einwechselspieler.

Dazu fällt mir eigentlich nur noch dieses Zitat von Max Goldt ein:

Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muss so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.

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