...verschwimmen allmählich die genauen Bilder und gehen nach und nach auf in der ungefähren Erinnerung an eine schöne Zeit.
Menschen brauchen Menschen zum Leben. Menschen existieren durch Menschen, sie empfinden Zuneigung, Geborgenheit und Verständnis von- und füreinander. Sie fühlen sich von der äußeren und inneren Attraktivität anderer Menschen angezogen, begehren einander, lieben einander. Sie machen ihre Entscheidungen von der Meinung anderer Menschen abhängig, genießen die intellektuelle Befruchtung durch die Ideen und Gedanken anderer Menschen. Kurzum: Andere Menschen sind das wichtigste im Leben eines Menschen.
Es war kurz vor Silvester. Das erste Mal als ich ihn sah, kam ich gerade vom Gletscher zurück in mein Hostelzimmer, wo er in seinem Bett lag und schlief. Seine Koffer lag geöffnet vor seinem Bett, Kleidungsstücke und diverse Stromkabel lagen neben ihm und auf dem Boden verstreut. Belustigt legte ich mich selbst etwas hin und dachte über das verrückte Land nach, in dem ich mich gerade befand. Plötzlich erwachte er, erhob seinem verwuschelten Kopf und ging ins Bad. Als er zurück kam, räumte er ohne erkennbares System seinen Koffer um, wirkte aber insgesamt nicht wirklich konzentriert, sondern eher von der Rolle, alswäre er nicht wirklich in diesem Hostelzimmer am nördlichen Ende der Welt.
Nach einigen Minuten sprach er mich unvermittelt an und nach dem "How are you?" erzählte mir seine unglaubliche Geschichte: Sein Name war Will. Er kam aus Kanada. Reykjavík war ein Zwischenstopp auf seiner Reise, eigentlich wollte er nach Paris. Dort war er verabredet. Mit ihr. Die er vor einem halben Jahr in den letzten Tagen eines Auslandssemesters in Toulouse kennengelernt hatte. Sie hatten eine kurze Affäre miteinander, mehr gab die kurze Zeit bis zum Ende seines Aufenthalts nicht her. Aber sie fühlten beide, dass es das nicht gewesen sein konnte. Und im Gegensatz zu anderen Menschen, die in diesem Moment wahrscheinlich das Schicksal verflucht und sich weinend in den Armen gelegen hätten oder pseudo-rational eine Fernbeziehung auf Probe vereinbart hätten, taten sie das, was nur von romantischer Liebe verwirrten Träumern einfallen kann: Sie planten, ihre gemeinsame Zeit einfach für ein halbes Jahr zu unterbrechen und sich am 31.12. wieder zu treffen. In Paris, was in seiner Erzählung voller Sehnsucht und Optimismus nur folgerichtig und logisch klang. Bis dahin wollte man keinen Kontakt haben, weil dieser über die multimedialen Kanäle unserer Zeit nur die Gefahr eines Abdriftens in den gefährlichen Alltag versprach, was sie unter allen Umständen verhindern wollten. Weil sie sich so sicher waren, tauschten sie auch keine Telefonnummern oder ähnliches aus, sondern vereinbarten nur ihren Treffpunkt: Paris Gare de l´Est, 31.12. 12 Uhr.
Ich werde niemals erfahren, ob sie auch da war. Aber eigentlich bin ich mir sicher, dass sie es war.
you know, it actually /does/ make an unterschied, ob du in deinem onlinedatingprofil bei den „sechs dingen, ohne die ich nicht leben könnte“ die formulierung „meinen ipod“ oder „musik“ verwendest.
(und wenn du fragen mußt, welchen, schreib‘ besser „meinen ipod“.)